Sep
2

Sexuelle Gewalt als Herrschaftsinstrument

Du sitzt in einer Runde, schaust in die Gesichter. Lachende, nachdenkliche, aussagelose, deprimierte, lächelnde, traurige, entspannte Gesichter. Eine Fülle von Emotionen. Die Emotionen wechseln, wenn sich die Menschen unbeobachtet fühlen. Aus der Fröhlichkeit wird Leere, aus dem Lachen wird Zurückgezogenheit. Schau in die Runde: Jedes 3. Mädchen, jeder 5. Junge hat in der Kindheit sexuelle Gewalt erfahren. Die meisten in der Familie oder im engeren sozialen Umfeld.

Überlebende sexueller Gewalt kann es mit viel therapeutischer Hilfe und in einem fördernden sozialen Umfeld gelingen, trotz alledem ein gutes Leben zu führen. Gefühle, die abgekoppelt wurden, weil sie damals das Überleben verunmöglicht hätten, können wieder lebendig werden. Ein gutes Leben ist möglich.

Apr
22

Mehr als ein Jahr

Mehr als ein Jahr war ich kaum online. Gestern hatte ich Geburtstag und angesichts der vielen lieben Wünsche auf Facebook habe ich folgendes gepostet:

An meinem letzten Geburtstag konnte ich auf die Facebook-Messages nicht mal reagieren - und auch keine richtige Freude spüren, dass da jemand an mich denkt. Das hat sich geändert und ich weiss, es ist ein großer Schritt für mich: das Wieder-Freuen-Können und das Öffentlichmachen, was Sache ist, warum ich mich so sehr zurückgezogen habe.

Ich möchte der Facebook-Message noch ein Stückchen Theologie hinzufügen. Wer damit nichts anfangen kann, möge es überlesen. Aber für mich ist es so, dass manch religiöse Gehalte etwas viel viel besser auf den Punkt bringen können als alle anderen Worte.


Depressionen. Karfreitag.
Tiefste Verzweiflung. Mein Gott, warum hast Du mich verlassen?
Innerliches Sterben. Jesus ist auch nicht sofort gestorben, sondern über Stunden elendig verreckt.
Zuschauen wie die Kräutertöpfe am Fensterbrett vertrocknen, aber nicht aufstehen können und ihnen Wasser geben. Kein neues Leben. Keine Hoffnung.
Nicht wissen, ob es ein morgen gibt. Nicht verstehen können.
Nichts mehr machen können. Ausgeliefert. Gedemütigt. Opfer.
Heimlich die Arbeits-Emails noch immer lesen.
Schlechtes Gewissen, dass die Arbeit jetzt die KollegInnen machen müssen.
Ich muss mir auf die Antidepressiva-Schachtel draufschreiben, ob ich die Tabletten schon genommen habe, weil ich mir nicht mal mehr das merken kann.
Wieder sind 900 Menschen im Mittelmeer elendig ersoffen. Mein Gott, warum hast du sie verlassen?
Über Monate lernen, es anzunehmen, dass es so ist.
Ich kann nicht mehr, ich bin krank, ich brauche Hilfe.

Depressionen. Karsamstag.
Ein langer Karsamstag. Ein Jahr lang Karsamstag.
Wissen, dass es immer wieder Karfreitage und Karsamstage in meinem Leben gab und ich diese verdrängt habe und sie mir nicht erlaubt habe. "Es wird schon irgendwie gehen". Jetzt geht es nicht mehr irgendwie.
Körperliche Schmerzen, psychosomatische Symptome, jede Woche andere, alle einschränkend und hemmend.
Keine Gewissheit, alles ist offen.
Gott? Ich weiss nicht. Die anderen sind geliebte Kinder Gottes. Aber ich?
Alles ist von der Vergangenheit determiniert und der Stein ist zu schwer, um wegzurollen.
Vereinzelung. Einsamkeit. Angst vor Menschen und der Wunsch nach Kontakt mit Freund_innen.
Auf der GKK beim Chefarzt im Wartezimmer sitzen und an alles Schlechte dieser Welt denken, damit ich dann möglichst krank ausschaue. Weil ich weiss, ich schaffe es noch nicht wieder zu arbeiten und will wenigstens diesen zeitlichen Freiraum haben, wenn ich sonst schon nichts habe.
Langsam lernen wieder ein bisschen Freude zu empfinden: die Sonne spüren, das Nähen lernen und endlich wieder was mit meinen Händen machen, im Wasser plantschen und mich endlich für zwei Minuten wieder lebendig fühlen.
Doch noch geht nicht alles. Eigentlich nur sehr wenig. Ja, ich habe mir heute was Gutes zum Essen gemacht und es hat mir geschmeckt. Geduld. Geduld. Geduld. Wann endlich? Ich will es doch. Es geht nicht.

Depressionen. Auferstehung.
Nein, sie ist nicht einfach so da, die Auferstehung.
Das Leben ist nie fertig, sondern ein langer Prozess.
Ich möchte mein Leben so leben, dass ich im Moment meines Todes in die Hoffnung der Auferstehung sinken kann.
Ich möchte mein Leben so leben, dass ich jeden Tag diesen Horizont der Aufstehung spüren kann.
Ich möchte mein Leben so leben, dass auch andere Menschen diesen Horizont erahnen können, wenn sie mir begegnen.
Manchmal ist er schon da dieser Horizont der Auferstehung. So wie gestern, wo ich mutig genug war, auf Facebook zu schreiben, was Sache ist mit mir und was mich trägt.
Der Horizont ist da, wenn ich endlich wieder in meinem Körper sein kann, wenn ich Körper bin, wenn ich ganz bin.
Manchmal frage ich mich, warum schon wieder Karfreitag, warum schon wieder Karsamstag? Aber ich kann wenigstens den Schmerz und die Erniedrigung des Karfreitag spüren. Im Spüren-Können wird zwischen all den ungeweinten Tränen etwas sichtbar, was Sinn gibt, was ich Gott nenne.


Dec
21

Religion ist eine Ressource für Gerechtigkeit

Für das Blog des Bayrischen Rundfunks Woran glauben? Götter, Quanten, Wirtschaftswachstum habe ich einen Text geschrieben. Im Unterschied zu Michael Schmidt-Salomon von der Giordano Bruno Stiftung vertrete darin ich die Meinung, dass Religion eine Sinn-Ressource ist, die einen Beitrag für mehr Gerechtigkeit auf dieser Welt leisten kann.

Da geht es lang zum ganzen Text. Dieses Projekt als solches ist sehr spannend, denn da soll aus verschiedenen Beiträgen rund ums Thema Glauben ein Film entstehen. Die Macher_innen freuen sich auf Input!

Foto: Flickr CC by-nc-sa Wolfgang Sterneck

Dec
13

Was ist übrig geblieben von Weihnachten?

christmasNeuerdings in einer vertrauten Runde: Alle, alle ohne Ausnahme, haben Stress mit Weihnachten. Die einen würden am liebsten weit weg auf Urlaub fahren. Wer anderer switcht am Heiligabend zwischen zwei verfeindeten "Familien" und kann es niemand recht machen. Und die nächste spürt zu Weihnachten besonders intensiv die Einsamkeit. Der Druck auf traute Familie zu machen, kostet unendlich viel Energie. Alle sind gestresst, niemand redet darüber wie es ihr oder ihm wirklich geht.

Was ist da passiert? Ich glaube viel mehr als nur der sowieso offensichtliche Konsumwahn. Die eigentliche Message von Weihnachten kommt nicht mehr an. Kein Platz für Gott, der Mensch geworden ist, nichts Tragendes mehr und die Erinnerungen die Kindheit werden mit der Distanz der Erwachsenen auch immer weniger verklärt. Es wirkt nur noch der Druck etwas heil darzustellen, dass nicht heil ist.

Was ist das, dass so viele Menschen froh wären, wenn der 24. und 25. Dezember Tage wie alle anderen wären? Millionen Menschen weltweit sind Christ_innen - und so wenig hilft diese gute Botschaft zum guten Leben, ja ihre Traditionen machen es Menschen sogar noch schwerer gut zu leben.

Nachdenklich ....

Dec
8

Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist wie sie ist, es wär nur deine Schuld, wenn sie so bleibt

Heute habe ich angesichts des Marienfeiertags auf Facebook wieder mal ein paar polemische Kommentare zum Thema Erbsünde gelesen. Ja, dieser Begriff ist heute mehr als missverständlich. Viel zu lange wurde Sünde vor allem als sexuelle Verfehlung missverstanden - und in diesem Kontext wäre aufeinmal unser bloßes Geborensein, dass ja einen Sexualakt der Eltern voraussetzt, eine Sünde. Was für eine negative Sicht des Menschseins, wenn das so reduziert wird!

Dem möchte ich eine andere Sicht der Rede von Erbsünde entgegenhalten. Diese halte ich für durchaus beachtenswert:

Unter Erbsünde verstehe ich auch, dass wir in eine Welt geboren sind, die nicht perfekt ist. Im Gegenteil: Wir leben in "ererbten" Strukturen der Ungerechtigkeit und es ist selbst bei bestem Willen nicht immer möglich nicht zu strukturellen Mittäterin zu werden. Mit jeder Autofahrt, mit jedem Billigeinkauf, ja, mit jeder versäumten Protestaktion mache ich mit mitschuldig am Leid in dieser Welt.

Irgendwie finde ich, dass dieses bekannte Video der Ärzte zum Thema passt: "Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist wie sie ist, es wär nur deine Schuld, wenn sie so bleibt"

Nov
20

Blockstöckchen aufgenommen - Gespräch von Blog zu Blog

Andrea Rehn-Laryea, die ich schon lange von Twitter kenne und bei Kirchehoch2 auch Face2Face getroffen habe, schickt mir ein Blogstöckchen. Da will ich mal antworten, denn:

Nov
19

Social Media in der Erwachsenenbildung

Am 18. November 2013 habe ich in Graz einen Workshop für das Frauennetzwerk in der Katholischen Erwachsenenbildung gestaltet. Unten sind meine Slides.

Zum Thema Social Media und Erwachsenenbildung stehen übrigens zwei eintägige Seminare an, die ich gemeinsam mit Gaby Filzmoser gestalten werde: am 18. Jänner in Linz und am 18. März in Innsbruck im Haus der Begegnung.


Nov
18

Trends in der Kommunikation

Am Freitag, 15. November 2013, war ich Vortragende auf einer Tagung für Führungskräfte und ÖffentlichkeitsarbeiterInnen der Diakonie Österreich. Es war ein intensiver und spannender Austausch "in ökumenischer Verbundenheit", wie hieß. Hier gibts für Interessierte meine Slides zum Nachlesen:


Oct
13

Mein Profil-Update

Ich habe grade meine Profile bei Xing und LinkedIn auf den neuesten Stand gebracht. Facebook war schon vor ein paar Tagen dran, da bin ich ja öfter unterwegs. Die erst genannten sind ja, so wie ich so nutze, nur bessere Telefonbücher. Und die sollten stimmen, um ihren Zweck zu erfüllen. Der Grund ist ein höchst erfreulicher. Ich habe es geschafft: Ich habe mein Theologiestudium abgeschlossen.

Sep
19

Freundschaft 2.0

Für die Zeitschrift "neue gespräche", herausgegeben von der AKP - Arbeitsgemeinschaft für katholische Familienbildung e.V., habe ich einen Beitrag zum Thema Freundschaft geschrieben. Danke an Uli Berens für die redaktionelle Bearbeitung.

Freundschaft 2.0

„Ich habe 137 Freunde.“ Solche Aussagen lassen den Wert des Internets für die Pflege von Beziehungen fragwürdig erscheinen. Vier Klarstellungen und Überlegungen. Von Andrea Mayer-Edoloeyi

1. Freund_innenschaft im Internet: Das Thema ist in der öffentlichen Diskussion von vielen Missverständnissen geprägt. Ein beträchtlicher Teil davon beruht auf einem Übersetzungsproblem: Der Begriff friend im Englischen meint den weiteren Bekanntenkreis, der Begriff Freund_in im Deutschen bezeichnet dagegen traditionell einige wenige Menschen, mit denen ich engere, vertrautere Beziehungen pflege. Über Facebook bin ich wohl auch mit einigen engen Freund_innen verbunden, den Großteil dieser Beziehungen bilden aber Beziehungen zu friends - zu losen Bekannten.