Mar
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Das Spielerische im Web 2.0

Klick, Tipp, Klick, Copy-Paste, Klick, Klick – und schon ist es passiert: Ein kommentierter Link ist auf Facebook als Statusmeldung gepostet. Die Finger auf der Tastatur und am Trackpad bewegen sich schnell, selbst mancher Tippfehler kann den Drang zur Mitteilung an Andere kaum bremsen – denn Tippfehler, Flapsigkeiten, oft Belanglosigkeiten, die in seriösen Texten nichts zu suchen haben, gehören einfach dazu, tragen zur Authentizität bei. Sie gehören zum Web 2.0 dazu, dem Social Web, dem Internet, dass nun nicht mehr von einigen wenigen mit Inhalt versorgt wird, sondern für (fast) alle als Inhalte-Produzent_innen zugänglich ist - am Computer und immer mehr am Handy. Nicht mehr der passive Medienkonsum, sondern die aktive Teilnahme prägen das Web 2.0. Das Internet hat sich vom „Distributionsapparat in einen Kommunikationsapparat“ (frei nach Berthold Brecht) verwandelt.

Verbunden mit dem Web 2.0 ist eine neue - immanente - Heilsversprechung: Jede_r kann teilhaben, Demokratie ist nicht mehr eine Sache von Wahlen alle paar Jahre, sondern wandelt sich in eine partizipative Gesellschaftsgestaltung durch alle. Ja, selbst Konzerne haben die Potentiale der kollektiven Wissensproduktion entdeckt und werden noch effizenter, indem sie ihre Kund_innen schon vorab an der Erfindung neuer Produkte teilhaben lassen und endlich persönlich und authentisch mit ihnen kommunizieren. Das, was Jürgen Habermas in seiner kommunikativen Handlungstheorie als ideale Sprechsituation bezeichnet hat und kontrafaktisch für die intersubjektive Begründung des Wahrheitsanspruchs unterstellt, ist erfüllt, seit es das Web 2.0 gibt.

Nein, stopp, Rückschritttaste. So geht das nicht, #fail oder wie die Wiener_innen twittern #oida. Ja, die Kommunikation verschiebt, erweitert, verändert sich durch das Web 2.0, aber alle Erwartungen, dass daraus ja fast automatisch eine neue, gerechte, gute Welt entstehen wird, sind meiner Meinung nach Phantasmen, die mehr mit subtilen Machtmechanismen und Individualisierung in einer postmodernen Gesellschaft zu tun haben als mit der Realität. Privates und Berufliches verfließt im Web 2.0, die flexiblen, ortunabhängigen, kreativen Webworker_innen sind die Generation Internet, die Macher_innen der Wissensgesellschaft, die „Early Adopters“, die Bobos, die immer die neuesten Gadgets haben und stolz ihre Spielzeuge via Twitpic vorzeigen.

Machbarkeit und das (fast) in Echtzeit – das ist Web 2.0. Wer Fortschrittskritik formuliert, kennt sich nur noch nicht aus mit dem Social Web und ist sowas von 1.0. Und selbst wenn via Twitter über die Dialektik der Aufklärung sinniert wird und damit allerlei intellektuelle Belesenheit gezeigt wird, bleibt vieles offen. Nicht zuletzt die Frage der Privatsphäre und neuer Ausschlüsse. Web 2.0 ist nicht besser oder schlechter als unsere Gesellschaft, es bleibt die Frage nach dem guten Leben, nach dem Sinn, der Bleibendheit und Veränderbarkeit. Die Frage nach dem Kairos im Chronos bleibt.

Und doch. Es werden immer mehr, die sich ins Web 2.0 einklinken. 1,7 Millionen Österreicher_innen sind auf Facebook. Ich mutmaße - passend zum Thema dieses Apfel-Schwerpunktes – dass es (unter anderem) das Spielerische ist , dass viele so fasziniert im Social Web. Damit meine ich jetzt nicht primär Spiele wie Farmville auf Facebook, dass Hunderttausende User_innen hat, sondern die soziale Interaktion, die stattfindet. Web 2.0 ist Zeigen und Verstecken, ist ernsthaft und neckisch (danke @antjeschrupp für diesen treffenden Begriff), ist immer ein Stück weniger direkt als die persönliche Begegnung und eröffnet doch neue Beziehungsqualitäten. Via Twitter oder Facebook Menschen kennenlernen ist anders als sie „in real life“ kennenzulernen, sogar manchmal tiefer und persönlicher, denn die Gemeinsamkeit ist sowieso schon durch die gemeinsam genutzten Webdienste klar. Agieren im Web 2.0 ist Selbstpräsentation – und es gleichzeitig kein klassisches Marketing, kein Make-Up und kein Business-Kostüm. Schon echter – und unechter zugleich. Es ist Suche nach dem Dazwischen – in Bezogenheit.

Ja, selbst das Spiel mit Genderrollen ist möglich. Jederzeit könnte ich mir einen zweiten Account zulegen und ausprobieren, wie es sich anfühlt, wenn ich nicht als Frau auftrete, sondern als Mann oder Transgender-Person. Manche tun das, ich tue ich nicht, aber die Möglichkeit ist mir angenehm. Nicht alle, denen ich auf Twitter folge, kann ich nicht direkt in die „Genderschublade“ schieben. Ein entscheidender Unterschied, denn in real life neigen wir doch alle dazu – oder?

Unzählige Web 2.0 Dienste, meist von Start-Up-Unternehmen angeboten, sprechen den Spieltrieb im Web 2.0 an. Niemand wird annehmen, dass es ernsthaft Sinn ergibt, immer allen mitzuteilen, wo er_sie gerade ist, doch klar gibt ein Tool, dass diese weltbewegende Info gleich an alle Netzwerke verteilt. Und auch die Mitteilung über die Umsetzung meiner neuesten Rezeptentdeckung ist nur ein paar Klicks entfernt und 1000 Leute können es lesen. Ob sie es tun, weiss ich nicht.

So was gehört dazu – ohne dieses spielerische Moment wäre Web 2.0 nur ein wirrer, unpersönlicher, selbstbestellter Newsletterdienst, den ich gleich wieder abmelden würde. Wenn ich interessierte Neulinge beim Einsteig ins Web 2.0 unterstütze, versuche ich sofort dieses spielerische Moment deutlich zu machen. Nicht nur, weil ich weiss, dass platte PR sowieso nicht gut ankommt, sondern vor allem auch, weil Web 2.0 erst wirklich lustig ist, wenn es mit einem Stück langem Atem betrieben wird – und dazu muss es Spass machen. Der Mensch ist eben nicht homo oeconomicus, sondern homo ludens – und spielt besonders gern im Gemeinschaft. Dass sich das manchmal mit gesellschaftspolitisch sinnvollen Aktivitäten verbindet, die genauso im Web 2.0 stattfinden und wenn es klug angegangen, auch Rückwirkungen auf das Offline-Leben haben, ist da fast schon ein positiver Nebeneffekt. Denn auch Politik funktioniert nicht, wenn Menschen instrumentalisiert werden, sondern wenn sie sich frei entscheiden, sich für etwas zu engagieren – und wenn das Spass und Freude macht, eben auch spielerisch ist. Dann halten wir auch auch, dass es Spiele gibt, die wir verlieren.

Wer spielt mit im Social Web? *

* Wem manche Begriffe in diesem Text fremd sind, kann diese problemlos auf Wikipedia.org nachlesen – und dort auch daran weiterschreiben …


[Veröffentlicht in: Der Apfel, Zeitschrift des Österreichischen Frauenforums Feministische Theologie, Nr. 93, 1/2010, 23f.]

Foto: Patrick_Q

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